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Ein 17-jähriger Hamburger schließt sich dem IS an und stirbt unter unklaren Umständen. Nun findet für ihn in der Kirche St. Pauli ein christlich-muslimisches Gedenken statt. Das löst Diskussionen aus. Den Pastor erwartet sein erster Gottesdienst für einen IS-Anhänger.

Offensichtlich, wie in vielen Bereichen, prallen hier die unterschiedlichsten Vorstellungen, ideologische Grundwerte, religiöse Vorstellungen, moralische Wertmasstäbe und was es sonst noch alles gibt aufeinander, dass es zu einer solchen Diskussion kommt.

Dabei sollte es keine Rolle spielen, ob er dem IS angehörte, was seine Funktionen waren und welche Verbrechen er verübt hat. Wenn Verwandte und Freunde diese Form des Abschiedes gewählt haben, dann ist es völlig unerheblich, welche Verbrechen ein Mensch begangen hat. Es ist daher nur richtig, dass die Menschen, welche sich ihm nahe fühlen, Familie, Eltern, Freunde oder sonstige Teilnehmer, die ihn persönlich kannten, eine Möglichkeit der Anteilnahme und des Abschiedes - in welcher Form auch immer - auswählen. 

Das ist ein menschlicher Urinstinkt, etwas was uns in vielerlei Hinsicht von vielen anderen Lebensformen innerhalb der Natur unterscheidet. Wir können und müssen trauern, Anteil nehmen und das Geschehen verarbeiten, um abschliessen zu können.

Nicht sein Handeln und Tun, seine Verbrechen, Mitgliedschaft im IS stehen hier auf einem moralischen Prüfstand und sollen bewertet, beurteilt und verurteilt werden. Es geht rein um die Familie und Freunde, deren Liebe zu ihrem Sohn, Bruder, Freund usw. trotz seiner Fehlentscheidung ungebrochen sein dürfte, es geht um das Menschsein. Den erlitten Schmerz, Wut, Verzweiflung, Unverständnis und nicht zuletzt auch die Tragödie, die es zu verarbeiten und abzuschliessen gilt, soweit das überhaupt möglich ist.


Es gibt nichts schönzureden oder zu verharmlosen, aber wir neigen zu Verallgemeinerungen und scheren nur allzugerne alles über einen Kamm. Wer von uns weiss, ob dieser IS Kämpfer in den letzten Momenten seines Lebens nicht erkannt hat, welchen schrecklichen Fehler er begangen hat? Jung, unerfahren und leicht manipulierbar und radikalisiert, hat er etwas getan, für das wir ihm jegliches Recht Mensch zu sein entziehen. Das soll unser Weg sein? Entmenschlichung als eine Reaktion?

Wie kann man sich das Recht heraus nehmen, diesen Gottesdienst oder sonstige Trauerfeier zu verweigern, zu kritisieren und sich darüber zu empören? Das steht Niemandem zu. Jeder Mörder, Vergewaltiger, Terrorist, IS-Kämpfer, ja selbst Attentäter, hinterlässt Verwandte, die um ihn trauern, in welcher Form auch immer. Ihnen das Recht auf diese Trauer zu verwehren, egal in welcher Form und an welchem Ort, ist unmenschlich und unwürdig. Es zeugt von einem mangelnden Mitgefühl und ist auch ein Stück Unmenschlichkeit, wenn man die Betroffenen, Verwandten, Zurückgebliebenen ausblendet und nur noch den Delinquenten und seine Tat sieht.

Es geht um Menschlichkeit, Menschenwürde und Mitgefühl, nicht dem Toten gegenüber und seinen Taten, sondern seinen Hinterbliebenen. Indem man seine Verbrechen dazu nutzt, um sich über diese Trauerfeier zu empören und sie den Verwandten und Freunden zu verweigern, beraubt man sich selber der Menschlichkeit. Es geht darum, nicht am eigenen Hass und Wut zu ersticken, die in diesen Zeiten unser Verständnis und klare Sicht vernebeln, uns emotional und irrational werden lassen und wir auf diese Art und Weise unsere Empörung zum Ausdruck bringen.

Es geht weder um Verbrechen, Religion, den IS und was man sonst noch alles als Argumente der Empörung einfliessen lassen könnte. Es geht um Menschen - die Hinterbliebenen - die eine Möglichkeit haben möchten, ihren Schmerz, Trauer und Wut zu verarbeiten, um mit allem abzuschliessen. Alleine mitzuerleben, wie sich ein Sohn, Freund, Verwandter unaufhaltsam immer mehr radikalisiert, entfernt und zu einem Mörder wird, das mitzuerleben, wünscht man niemandem. Die Ursachen mögen für den Aussenstehenden vielfältig, ja sogar unentschuldbar sein, aber sie sind für die Zurückgebliebenen unerträglich. Menschsein hat viele Gesichter.


Gesellschaft

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