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Liebes Tagebuch

Neulich waren wir bei einer Freundin und deren Lebensgefährten zum Abendessen eingeladen. Jetzt haben die ein wunderschönes Grundstück am Ende einer Sackgasse, es grenzt direkt an den Wald des Nachbarn. Als wir so gemütlich beisammensassen, holte er, ohne dass man ihn darum gebeten oder das Ganze thematisiert hätte, einen Golfschläger inklusive Ball hervor, um uns zu zeigen, wie es geht. Meine innere Empörung war recht gross, schliesslich wurden wir zum Abendessen eingeladen, was sich nun deutlich zu verzögern schien, weil er da mit diesem „Eisen“ herumfuchtelte.
Insgesamt wirkte das Ganze natürlich wie eine Herausforderung auf mich, das war ganz klar. Schliesslich öffnet ja unsereins auch nicht seinen Kofferraum und holt ein Tischfussballspiel heraus, baut es einfach im Garten seines Gastgebers auf und fängt an zu spielen, während man beiläufig über Fussball redet.
Mit so einem Golfgebalze kann mir jetzt niemand imponieren. Da er aber nicht nur Gastgeber war, sondern auch noch ein sehr sympathischer, fiel es nicht allzu schwer ihn loslegen zu lassen. Mehr Sorgen machte mir der Umstand, dass unser Abendessen in immer weitere Ferne zu rücken schien.

Jeder von uns hat doch zumindest schon einmal im Fernsehen ein Golfspiel gesehen. Wie diese Balldrescherei funktioniert, ein Kinderspiel. Ausholen, leicht in die Knie gehen und den Ball vom Rasen fegen.
Was jedoch hinter dieser martialischen Freizeitbeschäftigung und seinen Spielern mit angeblichem Niveau wirklich steckt, wenn sie so brutal und menschenunwürdig ihre persönlichen oder sonstigen Probleme und tiefsten Abgründe ihres Lebens an einem so gewalttätigen Spiel ausslassen, das wird einem erst auf den zweiten Blick so wirklich bewusst. Wir haben das in jenem Moment live und ungefragt miterleben dürfen, während das Abendessen im Ofen vor sich hin schmorte.

Erwachsene Menschen schlagen mit brutaler Gewalt diesen hilflosen, allen möglichen Fliehkräften und Launen der Natur ausgesetzten Ball durch Felder und Wiesen ohne jegliches Schuldgefühl. Sie nennen das Sport, und angeblich soll es Stress abbauen und entspannend sein – von wegen. Das ist doch nur eine Schutzbehauptung, damit ihnen niemand auf die Schliche kommt. Es geht um Frustabbau und Aggressionstherapie. Wie kann etwas so bagatellisiert und als Erholung tituliert werden? Dass da Amnestie International noch nicht eingeschritten ist, wenn wieder einmal jemand so kaltschnäuzig und selbstverständlich zum nächsten Schlag ausholt und seinen ganzen Lebensfrust auf diesen Ball projiziert? 
Vor allem, kein Golfspieler macht sich scheinbar überhaupt Gedanken, was er dem armen Ball antut, wenn er ihn so völlig selbstverständlich über den Platz prügelt. So gefühlskalt und selbstverständlich nehmen sie den Schläger in die Hand, sie nennen das lapidar „Eisen“, das sagt doch schon alles. Das klingt doch auch wieder völlig verharmlosend. Dabei dreschen sie dann auf diesen kleinen hilf- und wehrlosen Ball ein. Dieser wiederum kann ja auch nicht sagen: „Nee, heute fliege ich nicht, habe Kopf- oder Bauchschmerzen“, sondern er wird gezwungen seiner Bestimmung nachzukommen, sein Schicksal zu ertragen und zu fliegen. Egal ob es über einen edlen Rasen geht, er mit voller Wucht der Physik gegen einen Baum prallt, in einem Sandloch landet oder in einem Teich, auf Nimmerwiedersehen verschwindet. Stets erduldet er stumm, im Einklang mit seiner Bestimmung als Golfball, sein Schicksal und oft, ohne zu murren, erreicht er, am Ende seiner Kräfte, doch noch irgendwie das Ziel. Wobei Ziel, das ist ja auch so ein Ding. Er kullert in irgendein Loch. Keine Ziellinie, die es zu durchtrennen gilt oder Zuschauer, die seinen Namen schreien. Es macht, wenn überhaupt, einfach ‚plop‘, wenn er ‚eingeputtet‘ wird, einfach würdelos.

Kein Mensch mit gesundem Menschenverstand käme doch auf die Idee, einen Sprinter in ein Katapult zu packen und ihn über die Bahn zu schleudern, um ihm nach der Landung noch einmal einen Tritt zu versetzen, auf dass er durch die Ziellinie stolpert. Warum also macht man das mit einem Golfball? Weil er keinen Mund hat um sich zu beschweren? Der Erfolgsdruck auf dieses kleine weisse Wunderwerks der Technik ist immens. Aber nie käme jemand auf die Idee ihn zu belohnen oder zu klatschen, wenn er das Ziel erreicht, geschweige denn, ihm als Dank beim Abendessen auf dem Tisch einen Platz neben sich einzuräumen,. Diese Ehren sind nur dem Spieler vergönnt, der sich nach jedem Spiel als heroischer Welterretter feiern lässt. 
Das Leben eines Golfballs, dazu bestimmt, auf das Übelste misshandelt und malträtiert zu werden, von Geburt bis zum Lebensende. Dies wiederum kann so unverhofft eintreten, dass dem kleinen weissen Liebling gar keine Zeit bleibt, darüber nachzudenken. Am Morgen wurde er noch freundlich zum Spielen eingesetzt und wenige Augenblicke später, holte ihn das Verhängnis ein; es war ein sonniger Frühlingsmorgen, leichter Bodennebel lag auf der Wiese, die Vögel zwitscherten und nichts schien seine Existenz zu bedrohen. Aber dann, nach dem ersten Schlag, als er mit voller Wucht in 15 Metern Höhe gegen einen Baum gefetzt wurde, brach ein Stück von seiner weissen, geschmeidigen Oberfläche ab und er landete einfach im Mülleimer, wenn überhaupt. Eventuell würdigt man ihn noch nicht einmal eines weiteren Blickes, wenn er so geschunden darniederliegt, unfähig, einer weiteren gradlinigen Flugbahn gerecht zu werden. Keine Sekunde des Mitgefühls oder der Trauer, denn schon liegt der nächste seiner Kollegen bereit, sich diesem Spiel, aufopferungswillig hinzugeben und seinen Platz einzunehmen.

Wenn das Leben eines Golfballs jemals in Hollywood verfilmt würde, dann dürfte es eine Mischung aus „Vom Winde verweht“, „Godzilla“ und „Star Trek“ sein, so vielseitig, romantisch, emotions- und aktiongeladen wie das Leben selbst. In der Hauptrolle Clint Eastwood als Golfball und Bruce Willis als Schläger, denn niemand sonst könnte diesen Rollen gerecht werden. Das alles in 3D, denn jeder soll sehen, wenn Bruce ausholt, um Clint in die Tiefe des Raumes zu prügeln.

Aber zurück zu jenem verhängnisvollen Abend unseres Gastgebers. Jetzt nahm er also diesen Riesenball, den nun wirklich niemand verfehlen kann, setzte ihn auf einen kleinen Nippel, leicht erhöht vom Rasen, damit dieser nicht beschädigt wird, wenn er den Ball so wegschlägt, und los gings. Dann holt er dieses „Eisen“ zum Schlagen hervor, also das war so klein, dass man sofort an Minigolf denken musste, aber scheinbar ist das eine normale Grösse. Normalerweise muss man sich ja auf einen solchen Schlag konzentrieren, aber er erzählte einfach seine Geschichte weiter, als ob er ein Glas Orangensaft einschenkte. Wäre er mir nicht so sympathisch, hätte man glatt meinen können, er wolle sich mit mir anlegen und seine Überlegenheit damit demonstrieren. Zwar wirkte er sehr souverän, aber für mich war ganz klar, was dahintersteckte. Er wollte mich als Mann von Anfang an in meine Schranken verweisen - aber nicht mit mir!

So prügelte er also drei Bälle in einem hohen Bogen in Nachbars Wald. Dann kam seine Freundin dran, also eigentlich war sie zuerst unsere Freundin, bevor wir sie mit ihm teilen mussten. Zweimal holte sie aus und zweimal zischte der Golfball dem Horizont entgegen in den Wald. Also sehr schwierig wirkte das nicht, eher so unkompliziert wie ein Tankvorgang.

Mein Adrenalinspiegel stieg bei dieser Herausforderung deutlich an, vom Testosteron ganz zu schweigen. So ein Schlag war ja lächerlich, den vermochte ich schon direkt nach meiner Geburt auszuführen, als ich dem Arzt die Nabelschnurklemme um die Ohren gehauen habe. Das würde eine leichte Übung, auch wenn ich es selber noch nie gespielt hatte.

Da stand ich also, seitlich zum Ball, mit diesem Kindergolfschläger, der so klein war, dass er mir fast aus den Händen rutschte. Das war eindeutig ein Trick, sie wollten beide, dass er mir beim Ausholen aus der Hand glitt, aber nicht mit mir. Meine fingermässigen Schraubzwingen liessen ihn nicht mehr los. Mehr noch, diese Hände verschmolzen mit dem Griff, und alles schien wie aus einem Guss zu sein. Diese in Jahrmillionen Evolution entstandenen Finger, dazu bestimmt, die unglaublichsten Dinge zu vollbringen, konnte man nur noch mit einem Schweissbrenner vom „Eisen“ lösen.
Selbst die nächste Unverschämtheit konnte nichts an dieser Verbundenheit aus Leder und Haut ändern. Sie jubelten mir scheinbar einen anderen Golfball unter. 
Ihre Bälle waren riesig und kaum zu übersehen. Im Dunkeln wäre man komplett über sie drüber gestolpert, aber dieser hier, aus der seitlichen Perspektive, war kaum zu erkennen. Dennoch, auch davon liess ich mich nicht aus der Ruhe bringen. Auch damit nicht genug, die nächste Zumuntung liess nicht lange auf sich warten. Er versuchte mir meine Haltung zu erklären, während unsere beiden Frauen sich an schickten, über meine professionelle Körperhaltung zu lästern. Scheinbar hatte ausser mir von all den Anwesenden noch nie jemand professionell Golf gespielt. So holte ich aus, bereit, den weissen Ball in die Höhe zu katapultieren, über die Baumkronen hinaus bis ans Ende des Waldes, das war mein erklärtes Ziel. Während dieser Vorbereitungsphase liess unser Gastgeber-Golf-Profi nichts unversucht mir zu vermitteln, wie ich mich stellen und dann schlagen sollte. Nicht mit mir. 
Der Schlag sass wie eine eins. Eleganz und Professionalität wurden in diesem Moment neu definiert. Eine neue Ära des Golfspiels war geboren. Mein erster Schlag im Leben und schon jetzt ein voller Erfolg, die Golfgroupies konnten kommen. So etwas hat die Golfwelt noch nie gesehen und unser Gastgeber auf seinem heimischen Rasen wahrscheinlich auch nicht. Der Ball hatte sich keinen Millimeter bewegt und lag immer noch in seiner Anfangsposition. Nur die beiden Frauen hatten ihren Spass und rollten sich ab vor lachen, während unser Gastgeber immer noch versuchte, mir den Schlag zu erklären.
Was keinem klar zu sein schien war, dass es sich dabei lediglich um einen Aufwärmschlag gehandelt hatte. Der wichtigste Moment für einen professionellen Spieler, aber das schien niemand von allen Anwesenden begriffen zu haben, vor allem die beiden Frauen nicht. Noch immer versuchte mein Gastgeber mir zu erklären was ich falsch gemacht hatte. Zuerst drehte ich mich um, weil ich dachte, da steht jemand hinter mir, mit dem er redet, aber er meinte wirklich mich - eine Frechheit! So langsam war ich bereit, auf das Abendessen zu verzichten.

Schnell begab ich mich wieder in Position und der nächste Schlag war gewiss. Dann, gewaltig wie ein Tsunami, mörderisch wie Manfred von Richthofen und zielgenau wie ein Space Schuttle holte ich erneut aus, um dieses dilettantische und leicht hysterische Gelache der Frauen zu beenden.
Der hatte gesessen, dieser Schlag hatte Sportgeschichte geschrieben! Eine Mischung zwischen einem Delphin der elegant im Wasser dahingleitet, einer Arbeit Leonardo da Vincis bezüglich technischer Raffinesse und der Körperbeherrschung von Batman, wenn er aus der Dunkelheit eines Daches dem Erdboden entgegen stürzt. Diesmal verstummten alle Anwesenden. Totenstille umgab uns, es war plötzliche Ruhe eingetreten, und man hätte hören können, wie eine Nadel ins Gras fällt. Alle Anwesenden hatten gemerkt, wen sie vor sich haben.
Die Ruhe täuschte, sie hatten alle gemeinsam Luft geholt und lachten mehr denn je, zumindest was die anwesenden Evas anging. Nur unser Gastgeber war nicht bereit in das Gelächter mit einzustimmen. Oh, wie souverän er doch sein konnte. Es schien zeitweise so, als ob die Frauen beim Luftholen fast zu ersticken drohten. Schön ist es, wenn man als Profi zur Erheiterung der Anwesenden beitragen kann, dachte ich so bei mir, während mein Blick auf den Ball am Boden schweifte, der nicht bereit war, seine Position freiwillig zu verlassen. 
Du kleiner Mistkerl dachte ich, willst Du Dich mit mir anlegen? Hast Du wirklich das Gefühl, da so liegen zu können und Dich zu amüsieren? Nicht mit mir, mein Freund, gleich fege ich Dich weg, und Du wirst es noch bereuen, jemals produziert worden zu sein. Er schien noch einmal kleiner geworden zu sein. Und überhaupt, hatte unser Gastgeber den Ball vielleicht festgeklebt, denn diesem Schlag hätte nichts standhalten können! Ein kurzer Test, nein, er hockte immer noch auf diesem Golfnippel und wartete auf seinen Einsatz.
Der dritte Schlag sollte es sein, um diesen Abend noch retten. Unweigerlich galt es, sich dem Leben und dieser aktuellen Herausforderung zu stellen. Dies sind die Momente, die einen richtigen Mann auszeichnen, wenn er bereit ist, die Ruhe und Übersicht zu wahren und sich nicht von zwei hysterisch lachenden Hühnern aus der Ruhe bringen zu lassen. Unser Gastgeber hatte es aufgegeben, weitere unnötige Kommentare abzugeben, jetzt endlich konnte ich mich auf das Wesentliche konzentrieren, den Ball.
So holte ich aus. David gegen Goliath. Wäre David anwesend gewesen, wir hätten in diesem Moment Freundschaft geschlossen und uns die Hände gereicht. In hohem Bogen holte ich aus und spürte einen kurzen aber heftigen Widerstand, als sich der Schläger auf Ballhöhe befand. Etwas wurde definitiv heftig von dem Golfschläger getroffen, nur, der Ball war es nicht. Eine dunkle Masse flog von dannen, während sich der Golfball nach vorne bewegte, weil ihm nichts anderes übrig blieb. Zwei Frauen verloren jegliche Kontrolle über ihren Körper, als sie nun definitiv an ihrem hysterischen Gelächter zu ersticken drohten und mit ihrem Geschrei die ganze Nachbarschaft beglückten. Dort, wo der Ball einmal war, klaffte jetzt ein fussgrosses Loch. Der Ball hatte sich bewegt, immerhin. Allerdings nicht, weil er getroffen wurde, sondern weil der ganze Rasen unter und neben ihm wegkatapultiert worden war. Der Widerstand beim Schlag, bei dem ich so sicher war, den Ball in den Himmel geschossen zu haben, waren mehrere Fetzen Rasen, die sich jetzt fein säuberlich in zehn Meter Entfernung verteilten. In dem Loch vor mir hätte man Tulpenzwiebeln setzen können. Wenn schon, denn schon.

Unser Gastgeber, ein wirklich netter Kerl, extrem verständnisvoll und immer noch sympathisch, blieb gelassen und sammelte die Rasenfetzen ein. Die beiden Frauen waren gar nicht mehr ansprechbar und ein Bändigen schien unmöglich. So langsam hatte ich Hunger, Golfspielen ist anstrengender als ich dachte. Ein Muskelkater machte sich langsam breit in meinen Armen. Kein Wunder, so ein schönes Stück Rasen mit Erdreich über das Spielfeld zu katapultieren hat halt seinen Preis.

Golfspielen hat sich vorläufig erledigt, so ein Theater um einen Ball, ein „Eisen“ und ein paar Löcher. Nächste Woche werde ich es eventuell mit Basejumping probieren. Videos, die einem zeigen, wie es geht, findet man ja im Internet zuhauf. Ein Fallschirm zu finden ist auch kein Problem, dank Internet - oder war es ein Gleitschirm? Vielleicht nehme ich beides mit. Einen auf dem Bauch, der andere auf dem Rücken, und wenn beide Leinen gezogen werden und sie sich öffnen, wird es schon irgendwie klappen.

Dein Günter

Golfen Golf Golfball

Gesellschaft

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