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Wie Du ja weisst, hat sich als 1963er Jahrgang ein wenig die Unsportlichkeit in mein Leben eingenistet. Was soll das heissen, man sieht es? Warum fragst Du, ob das T-Shirt 3xXXL ist, was ich da anhabe? Hör mal , der Ton macht die Musik, und das ist kein Grund, persönlich zu werden oder schelmisch dreinzuschauen und das Wort „Dick“ möchte ich in diesem Zusammenhang auch nicht hören. Also, darf ich jetzt weiter erzählen?

Jedenfalls ist ja regelmässiges Squash spielen angesagt. Du weisst schon, zwei durchtrainierte Senioren mit stahlharten Körpern lassen ihren Alltags- und Lebensfrust an einem kleinen hilflosen Gummiball aus, der von ihnen mit einer gewissen Masslosigkeit hemmungslos gegen die Wand gedonnert wird. Sport sollte ja, auf einer privaten Ebene, dem inneren Ausgleich und der körperlichen Ertüchtigung dienen, wodurch man seine Psyche und seine Gedanken wieder in die richtige Balance bringt.
Soweit die Theorie. Vom Alltagstrott und -schrott, den Sorgen abschalten, das sollte das Motto der Veranstaltung sein. Immer, wenn man von den Sorgen und Problemen des Alltages zerrissen wird, sollte man ja zumindest nach einem Ausgleich suchen, einer Möglichkeit, sich zurückzuziehen, wie z.B. Spazieren gehen etc., wodurch man als Mensch wieder auftanken und sich stärken kann.

Wieso meinst Du, dass dieser Lebenskunst-Unterricht nichts mit Squash zu tun hat? Das spielt doch gar keine Rolle, man kann sehr wohl auch etwas Lebensnähe in einen Artikel einbinden. Also, so vor dem Wochenende bist Du ja als Tagebuch immer sehr unerträglich und launisch, furchtbar. Nein, ich nehme Dich nicht auf einen Spaziergang mit, Du hast sie doch nicht mehr alle. 

Wie auch immer, an diesem Tag ging es beim Squash nicht nur darum zu gewinnen, sondern meinem Gegner im Court auch eine vernichtende Niederlage zu bereiten und ihn in seine Schranken zu verweisen, damit er sah, wo der Hammer hängt und wer der Herr im Haus ist. Mein Mitspieler - also für mich sind das ja immer grundsätzlich Gegner, Widersacher, Konkurrenten, Gegenspieler, Rivalen etc. die es auf mein Leben abgesehen haben - begrüsste mich noch recht dreist und unverschämt, indem er mir die Hand gab, mich anlächelte und fragte, wie es mir gehe. Andere Spieler mögen ja ein kumpelhaftes Verhältnis mit ihrem Mitspieler haben oder im schlimmsten Fall sogar mit ihm befreundet sein, so etwas käme für mich niemals in Frage.
Freundschaften kann man sich beim Grillen aufbauen oder erhalten, wenn überhaupt, aber niemals bei einem Wettstreit oder Spiel und schon gar nicht auf der Arbeit. Das ist widernatürlich, gegen die Schöpfungsgeschichte, und der liebe Gott hätte sicherlich auch keine Freude daran.

Das hat doch nichts mit Ehrgeiz und Verbissenheit zu tun, was zappelst Du denn wieder mit Deinen Papierseiten? Sport ist Mord, das sagt doch alles. Es gibt beim Wettkampf keine Kumpelei, es gibt nur Gegner, Widersacher und Gewinner und Verlierer. Was für ein Genuss? Spass an der Freud? Sag mal, hast Du überhaupt den Sinn eines Wettkampfes verstanden? Mannschaftssport fördert das soziale Denken und Handeln? So ein Unsinn, hast Du das Gefühl bei einer Ballettaufführung, dass alle gut befreundet sind? Das ist kein Mannschaftssport? Hör mal, Du verwirrst mich völlig, kann ich jetzt weitermachen? 

Also, der Zweck, warum mein Mitspieler mich begrüsste, war ganz klar. Ein Ablenkungsmanöver, aber so durchschaubar, wie ein Glas Wasser. Wahrscheinlich hat er gedacht, mich damit einlullen zu können und eine persönliche Beziehung aufzubauen, aber nicht mit mir. Wirkliche Kollegialität muss wachsen und braucht ihre Zeit - und ein Spielfeld, egal ob Fussballplatz oder Squash-Court; das sind Schlachtfelder oder Kriegsschauplätze, aber ganz sicherlich keine „Wohlfühl-Oasen“ und schon gar nicht der richtige Ort für Höflichkeiten oder Freundschaften. Wir spielen so schon länger gegeneinander, ich weiss also seinen Namen und wer er ist, kenne seine Stärken und Schwächen, die ich mir aber leider nicht merken kann. Aus diesem Grund ist alles für mich immer wie beim ersten Mal, wenn wir uns treffen und anfangen zu spielen. Auch handelt es sich keineswegs um eine Zufallsbekanntschaft von der Strasse, sondern eine gewollte Squash-Beziehung.

Ob man das Spiel überhaupt unter solch sozialen Voraussetzungen und Einstellungen geniessen kann? Na klar, gerade weil die Fronten geklärt sind, jeder weiss wo er hingehört und die Sachlage so eindeutig ist, kann man seinen Sieg auskosten. Was soll denn sein, wenn man verliert? Über eine Niederlage macht sich ein Spieler keine Gedanken, das ist ja vollkommen irrelevant. 

Also, grundsätzlich baue ich ja zu meinem Gegenüber, egal bei welchen Spiel oder Ausgleichssport, nie eine persönliche Beziehung auf. So etwas vermindert immer die Hemmschwelle und beeinflusst die Bereitschaft, ihm eine Niederlage zu bereiten, ja es entwickelt sich geradezu zu einer Pflicht, nicht zu verlieren. Egal, ob er in einer glücklichen Beziehung steckt, das heulende Elend durchlebt oder irgendwelche Probleme mit seinen Kindern, der Freundin oder dem Job hat, das gehört nicht hierher und interessiert auch nicht. Diese Dinge lenken nur vom Wesentlichen ab.
Dann, und das muss man wissen, wird man ja beim Squash in so einen kleinen Raum eingepfercht. Es ist wie ein Gefängnis, nur anders. Für jeden Klaustrophoben der Vorraum zur Hölle. Dieser Raum also verwandelt sich währen des Spiels schnell einmal in ein Schlachtfeld, bei dem es keine Gnade gibt und kein Wenn und Aber. Freundschaftliche Beziehungen, Sympathie, Mitgefühl, Hilfsbereitschaft usw. haben dort rein gar nichts verloren.

Ja genau, freundschaftliche Beziehungen etc. lenken nur ab, da brauchst Du gar nicht so aus Empörung mit Deinen Seiten zu knistern … Was heisst da ausgearteter Ehrgeiz? Nur weil ich gewinnen möchte? Wieso sollte ich Spass beim Spielen haben? Nee, es geht ums Gewinnen. Der Weg ist das Ziel, Erfolg, Anerkennung, Siegen usw., aber da kann ja ein Tagebuch gar nicht mitreden. 

Jetzt muss man wissen, dass mein Mitspieler, wir nennen ihn Richard, sicherlich einen halben Kopf grösser oder länger ist, je nachdem aus welcher Position man das betrachtet, als ich es bin. Jemand wie er kann Glühbirnen ohne Leiter auswechseln und ist erstklassig geeignet um die Weihnachtsbeleuchtung zu montieren. Richard ist viel drahtiger, wendiger und gelenkiger als ich es nach meiner Geburt war, und ca. 8-10 Jahre jünger.
Das ist auch so ein Ding des Lebens. Je älter man wird, umso mehr Menschen gibt es um einen herum, die jünger sind.

Also, Richard jedenfalls ist körperlich so gebaut, dass er sich, aufgrund seiner Gelenkigkeit, spielend beim Duschen durch den Ablauf verabschieden könnte, weswegen es dort auch immer ein Sieb hat. Bei mir ist das ganz anders. Körperlich irgendwie fit, aber relativ unsportlich, würde es beim Ablauf eine Pfropfenbildung geben, weswegen es nie eines Siebes bedarf. Dank seines Körperbaus verfügt Richard über einen enormen Vorteil. Er kann seine Arme und Beine beim Spiel unglaublich teleskopartig spreizten und ausfahren, wie ein Gummimensch, der gerade von einer Streckbank kommt. Also, es handelt sich um einen völlig asymmetrischen Spielverlauf, weil er immer dort ist, wo man ihn nicht vermutet und er den Ball dann trifft, wenn man nicht damit rechnet. Bei solch einem Squash-Mutanten als Gegenspieler zählt man gedanklich bestimmte Punkte schon für sich, weil es mental, physikalisch und mathematisch unmöglich ist, den Ball noch zu erreichen.
Richard kriegt ihn aber trotzdem, und so verliert man zahlreiche Punkte, die für einen selbst schon als sicher galten. Das geht an die Substanz. Da ist auch etwas psychologische Kriegsführung im Spiel, und darin ist er ein Meister. Eben steht er noch hinter mir, der Ball wird aber von mir vorne an die Bande geschlagen, und Richard schafft es aus der hintersten Ecke mit zwei, drei Schritten bis ganz nach vorne, eine Unverschämtheit! Er könnte auf der Toilette sein, während ich den Ball schlage und würde ihn noch rechtzeitig erwischen und garantiert auch noch einen Punkt für sich holen.

Der beste Kunstgriff aber gelingt ihm, als er diesmal hinter mir lauernd, den Ball nach vorne schlägt. Nicht etwa an mir vorbei, sondern diesmal will er ihn scheinbar durch mich hindurch befördern. Unglücklicherweise nicht für ihn, sondern für mein Gesicht, drehe ich just in diesem Moment den Kopf nach hinten, um mir, wie sonst eher nie, einen Überblick zu verschaffen - denn man darf Richard einfach nie aus dem Auge verlieren -, als dieser kleine Gummiball seiner Bestimmung nachgeht, sich in mein linkes Auge bohrt und demonstrativ mit einem lauten Knall breit macht. Satans Teufelsball in voller Beschleunigungsfahrt, donnert in mein linkes Auge!
Danke Richard, das war ja so rücksichtsvoll von Dir. Was soll das heissen, selber schuld? Hätte ich mich nicht bewegt oder umgedreht, wäre das nicht passiert? Ach komm, das war doch blanke Absicht vom Richard, schon bei der Begrüssung habe ich gemerkt, dass er etwas im Schilde führt. Ein Feuerwerk der eigenen Wahrnehmung macht sich breit. Das war ja klar, seit Jahren hab ich ein ungutes Gefühl, wenn jemand hinter mir steht und wie man jetzt sehen konnte, zu recht. Wow, da kann keine Droge mithalten. Zehn Sekunden so wegzutreten, ohne Vollnarkose, das hat etwas Eigenes. In jenem Moment sieht man die Schöpfungsgeschichte an sich vorbeilaufen. Der Urknall für kleine Leute im eigenen Gesicht.

Völlig benommen half mir Richard auf die Beine, da ich mir noch nicht einmal mehr sicher war, ob ich überhaupt noch welche hatte. Diese Tötungsmaschine, habe ich gedacht, fasst mich auch noch an, mimt jetzt nach dem Abwurf der Atombombe in mein Gesicht auch noch Hilfsbereitschaft. Vorhin hat er mich noch freundlichst begrüsst und 40 Minuten später verpasst er mir das Licht am Ende des Tunnels. Jetzt macht Richard auf Ersthelfer und hilft mir auf, weil mein Gleichgewichtssinn irgendwo am anderen Ende des Universums ist. Während wir also ein Stockwerk hochstolpern, um das Auge oder vielmehr was davon übrig ist – es fühlte sich an, als ob es zerfetzt worden wäre – zu kühlen, kommt die nächste Unverschämtheit. Für mich war der Fall ganz klar, eine Zukunft mit Augenklappe, aber Richard sagt, es blute nicht. Das hielt ich natürlich für einen Trick, er wollte mich beruhigen. Da half es auch nicht, dass er mich seelsorgerisch, und das muss ich leider auch zugeben, fürsorglich zum nächsten Wasserhahn brachte.

Humpelnd bewegte ich mich dank seiner Hilfe zum Duschraum, wobei, wieso humpelte ich überhaupt, wenn doch das Auge verletzt war? Eine völlig bizarre Situation, denn eigentlich hatte ich nur Gleichgewichtsstörungen. Irgendetwas schien halt mit den Synapsen und Nerven nicht mehr so zu sein wie es bei meiner Geburt ursprünglich vorgesehen war. Kein Wunder, wenn einem der Halleysche Komet ins Gesicht fliegt! Dann, am Wasserbecken, konnte alles etwas gekühlt werden und tatsächlich, nichts hat geblutet. Gut, Richard hat zwar nicht gelogen, aber das ist kein Grund ihn nicht mehr als Gegner zu betrachten. Dafür wurde selbst das Blut aus der Zehenregion in das Augenlied gedrückt und alles schwoll so an, dass man ein Auge dahinter nur noch vermuten konnte. Schnell muss etwas wirklich Kaltes her, so etwas wie Eis oder noch besser, der Schnee vor der Eingangstür. Also mache ich mich in diesem Trance-Koma-Zustand auf zur Ausgangstür. Da sehe ich Richard und meine bessere Hälfte, die ausnahmsweise an diesem Abend anwesend war, als ob ich es geahnt hätte, wie sich beide über den Getränkeautomaten beugen. Ein illustres Bild. Während ich im Sterben liege, bedienen sich beide am Getränkeautomaten. Ja, die Leiden und Schmerzen anderer machen halt durstig. Wahrscheinlich wollen sie sich noch zuprosten, dass sie mich aus dem Weg geräumt habe.

Der Sachverhalt war ganz klar und eindeutig. Sie suchten, fanden aber den Schampus dort scheinbar nicht. Jedenfalls stolperte ich vor die Tür und drückte mir den Schnee, glücklicherweise hatten wir Winter, in diese blau unterlaufene Schwellung, in der sich irgendwo noch ein Auge befand. Das tat gut. Jetzt tauchte Richard wieder auf, wahrscheinlich hatten sie sich schon zugeprostet. Aber nein, es war ganz anders. Beide hatten ein kühles Getränk aus dem Automaten geholt, für das Auge, das also war der Grund, warum sie sich über den Automaten hermachten. Richard hat, das muss ich schmerzlich zugeben, als mein Squashgegner, Widersacher und Konkurrent, hervorragende Arbeit geleistet.
Beim nächsten Mal wird die Begrüssungszeremonie vielleicht mit einem Lächeln  von mir ausgehen,  mehr aber auch nicht, eventuell noch die Hand reichen und gut ist es. Aber das war es dann auch wirklich, denn gewinnen lassen, nur aus Sympathie, werde ich ihn trotzdem nicht.

Kollegialität hat einfach seine Grenzen. Er würde ja auch keine Rücksicht auf mich nehmen, wenn ich in Zukunft mit Augenklappe spielen müsste. 

Dein Günter
Gesellschaft

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