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Liebes Tagebuch

Wer noch Gegenden sucht, in denen das Gesetz des Stärkeren gilt, muss sich nur auf eine deutsche Autobahn begeben. Aber Vorsicht, ohne vernünftige Lebensversicherung kann man sich nur halbwegs sicher auf den Raststätten und Parkplätzen bewegen. Wer seinen ­Lebens- und Tagesfrust ausleben möchte, muss sich nicht mehr in den Wilden Westen wünschen, nein: Er sucht sich die nächste Autobahnauffahrt. Dort kann er dann seinen ganzen Frust, seine Wut und seinen Ärger usw. mit Hilfe des Gaspedals ausleben.

Gesetzlosigkeit hat sich dort in einer Form breitgemacht, wie sie nur in einer Wohlstandsgesellschaft möglich ist, der ihr vierrädriger Untersatz zum Lebensmittelpunkt geworden ist. Ein kulturell und sozial über Jahrzehnte neu aufgebauter und entwickelter Lebensinhalt hat in der Gesellschaft seinen Platz gefunden. Es geht nicht nur darum, einfach den Motor zu starten und loszufahren, um von A nach B zu gelangen.
Vielmehr ist schon der Moment des Einsteigens, des sich Niederlassens im Sitz – im Wohnzimmer des Autoenthusiasten –, ein prickelndes Erlebnis. Gleich geht es los, schnell noch den Fuchsschwanz am Spiegel richten, den Sicherheitsgurt anlegen – nur für den Fall der Fälle –, und dann kommt der Moment, auf den man sich vorbereitet hat!

Der Schlüssel gleitet ins Zündschloss. Ein Moment der Erotik, wenn sich der männliche Schlüssel mit dem weiblichen Schloss zu einer Einheit verbindet. Mag das eigene Liebesleben auch gerade ­einen Tiefpunkt haben, in diesem Moment spielt es keine Rolle mehr. Der Schlüssel findet seine richtige Position und die Zündung wird angelassen, die Seele des Fahrzeugs, der Motor, der die Umgebung mit Leben erfüllt, verschmilzt zu einer Symphonie von Freiheit und Glückseligkeit. Der Moment des Gasgebens ist für den Fahrer das, was für einen Sektierer die Meditation ist, in der er sich mit dem Universum zu vereinen sucht.

Der Moment, in dem man den Parkplatz verlässt, um sich in den Verkehr zu stürzen, wie ein Ritter, der seinem Gegner auf dem Pferd entgegenreitet, um ihn aus dem Sattel zu stossen – in diesem Moment lässt man alle Sorgen und Probleme hinter sich.
Der Drang nach Freiheit hat sich mit PS-Boliden und ‹heroischen› Namen wie Audi, Porsche, BMW, Mercedes usw. verbunden – und nichts kann diesen Freiheitsdrang aufhalten.
Jedes Fahrzeug vor ­einem wird als fiktiver Feind und Gegner betrachtet. Willkommen auf den deutschen Autobahnen, dort wo das Gesetz des Stärkeren noch etwas gilt, das Faustrecht noch eine Bedeutung hat und jeder, der nicht mit Bleifuss fährt, als Versager betrachtet wird. ‹Heroische› Ritter der Landstrasse sind es, die eben noch nicht im Rückspiegel zu erkennen waren und diesen innert Sekunden komplett ausfüllen, obwohl man selbst schon mit Tempo 180 km/h dahinrast.

So schliesst man Freundschaften: Eben war man noch allein auf der linken Autobahnspur, und der Rückspiegel frei von Fahrzeugen, und im nächsten Moment klebt ein Bezwinger der Autobahn hinter einem – so nah, dass man im Rückspiegel seine Gesichtszüge mit der Tätowierung ‹Born to be wild› auf der Stirn erkennen kann. Da hilft nur Gas geben, man lässt sich ja nicht lumpen! Während das eigene Fahrzeug unter jedem Stundenkilometer immer mehr ächzt und stöhnt, die Tachonadel 220 km/h anzeigt und man das Gefühl hat, an der ‹Luftschlacht um England› beteiligt zu sein, bereitet sich der Hintermann darauf vor, einem seine Stossstange spüren zu lassen.

Unter Aufbietung aller fahrerischer Fähigkeiten weicht man auf die rechte Spur aus und gehört somit zu den Verlierern – ist aber froh, mit dem Leben davongekommen zu sein. Der andere Fahrer aber, eben noch dein Duzfreund aus dem Rückspiegel, bereitet sich darauf vor, ein wahres Überholmassaker an vier Fahrzeugen vor ihm anzurichten, die die Frechheit haben, die linke Überholspur zu benutzen.

Hier ist psychologische Höchstleistung gefragt; man nähert sich den vier Fahrzeugen von hinten mit Höchstgeschwindigkeit, das macht Eindruck! Eben war der Rückspiegel des Vordermannes noch frei, jetzt füllt er sich bedrohlich mit dem Fahrzeug, das überholen will – das wirkt immer! Parallel dazu wird der linke Blinker eingeschaltet, eine deutsche Aufforderung an den Vordermann, Platz zu machen und endlich auf die rechte Spur zu fahren. Hilft das nicht, folgt Stufe zwei, das Fernlicht! Fein, wenn der Rückspiegel des Vordermanns plötzlich zu einem lichtdurchfluteten Scheinwerfer wird und man sich so als Hintermann Achtung und Respekt verschaffen kann.

Hilft alles nichts, kommt der Raubritter im deutschen Autofahrer hervor. Der Stärkere gewinnt Oberhand und der psychologische Supergau tritt ein. In John-Wayne-Manier hängt der freiheitsliebende Raser das Fahrzeug vor ihm ab, indem er es rechts überholt und dann sofort wieder links einspurt, so dass der andere genötigt ist abzubremsen. Eine Lücke, gross wie ein Kinderwagen, ist entstanden.
Diese nutzt unser Freund, um sich einzureihen. Vor ihm warten noch drei weitere Fahrzeuge darauf, zurechtgewiesen zu werden. Wer König der Landstrasse ist – der unumstrittene Herrscher des Gaspedals – und ein Anrecht darauf hat, das Recht des Stärkeren auszuüben, daran besteht kein Zweifel. Überhaupt, und das zeichnet den deutschen Autofahrer aus, vermag er jedes Auto in eine Waffe umzunutzen.

Die McGyvers der Asphaltpiste scheuen keine Kosten, um aus ihrem Fahrzeug für Tausende von Euros ein neues Statussymbol zu machen. Da hat es die gutaussehende blonde Freundin schwer, mit der Chromstahlstossstange mitzuhalten. Weibliche Rundungen mögen ja bei vielen Männern Begierden hervorrufen, haben aber gegen ein tiefergelegtes Fahrwerk mit Kompressor und Alu-Felgen keine Chance. Selbst der vergoldete Zigarettenanzünder und der Fuchsschwanz am Rückspiegel haben vielfach einen höheren Stellenwert. Der Grund ist ganz einfach: Wer ein lässiges Auto hat, bekommt auch ­automatisch den passenden Partner dazu! Wer aber einen Partner hat, verfügt nicht automatisch über ein angesagtes Auto – so einfach ist die Mathematik des Autoenthusiasten!

Nun aber zurück zu unserer Lehrstunde auf deutschen Autobahnen, denn jede Fahrt hat auch etwas Lehrreiches an sich – quasi Klassenzimmer für unterwegs. Manchmal hat man den Eindruck, dass sich lauter Lehrer vor und hinter einem bewegen, deren höchstes Ziel es ist, die anderen Autofahrer nicht als Gegner oder Feind zu betrachten, sondern sie kostenlos, offenherzig und freizügig zu belehren, wie man richtig Auto fährt.

Da überholt gerade ein LKW mit Tempo 90 einen anderen, der 80 km/h fährt. Nun, wenn eine Schildkröte die andere überholt, braucht es dafür eben Zeit. Das Überholmanöver ist gut sichtbar, und jeder kann sich darauf einstellen. Nicht so unser ­Autobahnlehrmeister in seinem Audi. Kurz vor dem Überholmanöver gibt er Gas – und muss dann empört abbremsen. Kein Wunder, wenn man mit 160 km/h angerast kommt, während das Überholmanöver vor einem bei Tempo 80–90 stattfindet – da hätte er sich auch gleich auf die Schienen eines vorbeifahrenden Zuges legen können. Also flucht und schimpft unser kleiner Audiheld, weil er den LKW auf der zweispurigen Autobahn links nicht überholen kann – es sei denn, er würde es über die Leitplanke versuchen.

Nachdem der LKW den Überholvorgang nach mehreren Minuten abgeschlossen hat, wird er vom Audifahrer schimpfend überholt. Jetzt kommt das typische Verhalten eines deutschen Autofahrers. Das, worum uns viele andere Nationen beneiden und das nur in einer Nation möglich ist, in der es offiziell kein Tempolimit gibt: Der Audifahrer setzt sich direkt vor den LKW, der die Frechheit hatte zu überholen, und bremst so stark ab, dass der LKW-Fahrer voll in die Eisen steigen muss – einfach toll.
Schon einmal gesehen, wenn ein LKW mit Hänger so richtig harsch abbremsen muss? Es hat etwas Urtümliches, fast Romantisches an sich, wenn sich die Bremsscheiben aufglühend mit den Bremsklötzen verbinden und eine nach Plastik und Metall stinkende Rauchwolke aus den Rädern schiesst und für einen kurzen Moment alles in Rauch hüllt, als ob jemand eine Nebelgranate gezündet hätte.

In welchem anderen Land ist so etwas möglich, ohne dass man ungeschoren davonkommt? Wo sonst gibt es das noch, dass ein Mercedes auf der Autobahn mit Tempo 200 auf der linken Spur in ein stehendes, weithin blinkendes und mit Warntafeln bepflastertes Baustellenfahrzeug rast, weil der Fahrer telephoniert und dementsprechend abgelenkt ist? Das zeigt, dass physikalische Gesetze auch für jene gelten, welche einen Mercedes fahren.

Dort, wo die Autoindustrie PS-Boliden im Überfluss entwickelt und den Benzinverbrauch nach oben schraubt, als ob es einen Wettbewerb zu gewinnen gelte, existiert keine Spur von Erdölknappheit und Sparsamkeitswahn. Die Autosalons in Genf und Frankfurt usw. wirken befreiend auf Autoenthusiasten, die wie religiöse Fanatiker zu technischen Wunderwerken pilgern und ihnen huldigen. Gerne stürzen sie sich mit zigtausenden anderer Besucher ins Getümmel, um sich die neuesten Automodelle anzuschauen, mit denen sie ihre zukünftigen Gegner auf der Autobahn bedrängen, nötigen und überholen können.

Auch wenn viele sich den Autowahn nicht leisten können, so sind sie jedoch bestens darüber informiert, wie die Fahrzeuge ihrer künftigen Gegner auf der Autobahn aussehen werden!

Wirkliche Demokratie beginnt eben auf der Autobahn und spielt sich nicht nur in der Politik ab!

Dein Günter
Gesellschaft

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